Schon die frühesten Formen von Kultur geben Zeugnis einer anderen, unsichtbaren Welt: Höhlenmalereien, Grabbeigaben, Tempel und Mythen. Die moderne, technische und wissenschaftliche Welt scheint das Heilige verloren zu haben.
Der Religionswissenschaftler Mircea Eliade kam zu dem Schluss, dass jede menschliche Kultur zwischen dem Alltäglichen (profan) und dem Heiligen (sakral) unterscheidet. Das Sakrale durchbricht die schnöde Alltagswelt und verweist auf etwas Größeres. Erst das Heilige macht die Welt bedeutungsvoll, gibt Sinn und Orientierung.
Auf der anderen Seite die Kritik: Religion sei ein von Menschen gemachter Entwurf (Projektion), um bestimmte Bedürfnisse zu befriedigen. Sigmund Freund bezeichnete sie als „kollektive seelische Störung“ (Neurose) und Karl Marx als „Opium des Volkes.“ Demgegenüber warnte der Philosoph Max Weber vor einer „Entzauberung“ der Welt durch ein rein naturwissenschaftliches Denken und damit verbunden der Verlust von Sinn und die Entfremdung von der Natur.
Bahnbrechend war der Beitrag des Religionsphilosophen Rudolf Otto: Man muss kein Gläubiger einer Religion sein, um mit dem Heiligen in Kontakt zu kommen. Es geht um die Erfahrung des „Ergriffen-Seins“ und des „Ganz Anderen.“ „Erschrecken“ (tremendum) vor einem „geheimnisvollen Etwas“, das zugleich fasziniert (fascinans). Religion als „Mysterium tremendum et fascinans“ – eine emotionale Erfahrung des Göttlichen (numen). „Der Mensch braucht eine Beziehung zum Göttlichen, um ganz zu werden!“
Denn: Leben ist mehr als Konsumieren und Funktionieren. Im Heiligen liegt eine verborgene Kraft.
Thomas Seibert, Diplomtheologe
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