
Manchmal sitze ich etwas melancholisch in der Kirche „St. Franziskus“ in Ursberg, wo unserer jüngerer und nun schon erwachsener Sohn Daniel werktags in einer Wohngruppe lebt. Er pendelt recht gern zwischen unserer Familie und dem Heim. Das freut mich. Aber da ist auch die Unsicherheit, wie es mit ihm weitergeht. Ein Gefühl des Unbehagens wohnt in meiner Seele: Einiges, was nicht einfach war, habe ich schon hinter mir. Etwas müde bin ich geworden.
Ich bete gern in dieser Kirche, in der ich mich sehr wohl fühle. Sie ist nicht so groß. Wer sie betritt, schaut auf ein breites Glasfenster, das vom Boden bis zur Decke reicht und blickt auf die Figur des Heiligen Franziskus. Sein Gesicht wirkt etwas traurig – da haben wir eine Gemeinsamkeit. Sein braunes Gewand und die ausgestreckten Arme wirken wie ein Kreuz. Schnell wird klar, dass in diesem Menschen, der vor 800 Jahren gestorben ist, Christus durchscheint. Ja noch mehr: Christus wohnte in ihm. Aus dem Blickwinkel des Heiligen auf Augenhöhe zur Rechten eine große Sonne. Auffällig die schwarze Spirale und die dunklen Linien. Gewöhnlich malen Kinder die „liebe Sonne“ immer leuchtend gelb. Diese „Ursberger Sonne“ ist anders: Das Dunkle gehört zum Leben – ebenso wie das Helle. Das passt zu diesem besonderen Ort, das passt zu meiner Stimmung. Vermutlich geht es vielen ähnlich. Und trotzdem haben das Grün, das Blau, das Gelb und Orange eine kräftige Wirkung. Gottes Kraft durchwirkt das gesamte Leben – das Dunkle gehört dazu.
Der Frankfurter Philosoph Jörg Splett spricht von den „Konturen der Freiheit“. Eine Kontur ist die äußere Linie eines Körpers, eine Art Grenze, die zugleich Gestalt gibt. Unser Leben geschieht innerhalb von solchen Grenzlinien. Nur wer das anerkennt, kann die eigene Freiheit gestalten. Vielleicht hat manche dunkle Kontur in meinem Leben einen tieferen Sinn. Ich bin überzeugt davon!
Zurück zum Bild: Ziemlich genau in der Mitte, unterhalb der Hand des Heiligen, etwas unauffällig, das freundliche Gesicht eines grauen Tieres, das liebevoll zum Heiligen aufschaut. Der berühmte von Wolf von Gubbio. Zunächst eine Bedrohung für die Stadtbewohner und dann durch göttlichen Segen und die Kraft der Liebe ein zahmer Wegbegleiter des Franziskus. Manchmal wird aus einer bösen Macht im Licht Gottes etwas Freundliches, das ich auf meinem Weg annehmen kann: „Bruder Wolf“.
Die Kirche begeht in diesem Jahr den 800. Todestag des Heiligen Franziskus. Er fasziniert seit Jahrhunderten bis heute durch seinen spirituellen, von Gottes Geist erfüllten Lebensstil. Das konnte er, weil er sein Herz und seine Seele für Christus geöffnet hat. Christus wohnte in ihm.
Der Apostel Paulus sagt: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2,20).
Es geht darum, ein neuer Mensch zu werden: Frieden und Zufriedenheit spüren. Sich für Christus öffnen und daran freuen, dass ER in mir wohnt.
Ich stehe auf, beende mein Gebet in dieser Kirche und gehe wieder hinaus – etwas weniger melancholisch und etwas mehr mit einem Lächeln.
Text und Bild: Thomas Seibert, Diplomtheologe


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