Ich dachte, dass ich es noch schaffe und rannte eilig zur Straßenbahn. Das freundliche Gesicht des Fahrers konnte ich schon sehen – wir hatten Augenkontakt. Prima. Keuchend angekommen drückte ich auf den Knopf an der vordersten Tür. Zu! Der Fahrer lächelte mich an und fuhr los – ohne mich.
Der Soziologe Hartmut Rosa hat eine „Zeit der Beschleunigung“ diagnostiziert. Kinder und Jugendliche haben eine verkürzte Aufmerksamkeitsspanne. Junge Menschen sind in ihren sozialen Netzwerken ein hohes Tempo gewohnt. In vielen Filmen sind die Kameraeinstellungen oftmals rasant.
Gejagt von der Angst, etwas zu verpassen, konsumieren wir zu viele Informationen. Und manchmal erzeugt der Blick auf die Arbeitsliste das Gefühl, immer hinterherzuhinken – wer nachts davon träumt, ist gefährdet.
Es geht um den Mut zur Leere!
Denn: Die Stille nährt den Geist. Wahrheit erscheint nicht in der Hast, sondern in der Bereitschaft, sein Herz zu öffnen und zu hören. Und zu schauen, einfach zu schauen auf die Dinge des Alltags, um dahinter etwas Größeres zu ahnen.
An der Straßenbahnhaltestelle hatte ich nun etwas Zeit – einfach so. Ich spürte meinen angestrengten Herzschlag und beobachtete einen kleinen Vogel, der sich zwitschernd auf dem Ast eines Baumes niederließ.
Eine Ahnung, etwas in meinem Leben zu ändern und das Gefühl von Befreiung.
Thomas Seibert, Diplomtheologe


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