Nicht wenige blicken voller Sehnsucht auf den letzten Arbeitstag. Manchmal ist die Vorfreude bei der Ehepartnerin oder beim Ehepartner etwas geringer. Denn fortan gilt es, sehr viel Zeit gemeinsam zu verbringen. Und wer alleine lebt, muss sich ebenfalls gut überlegen, den Tag sinnvoll zu füllen. Ein ähnliches Schicksal ereilt übrigens manchmal auch die Eltern schulpflichtiger Kinder: „Endlich Ferien“, rufen die Kleinen. „Oh je“, denken die Großen. Ein paar Wochen später ist es dann umgekehrt: „Schade“, sagen die einen, „Gott sei Dank“, die anderen. In der Ethik des Aristoteles nennt man das „ausgleichende Gerechtigkeit“.
Neulich erzählte mir ein lieber Freund vom letzten Arbeitstag eines Kollegen. Nach Jahrzehnten der Arbeits-Treue wurde das in Aktenordnern perfekt sortierte „Lebenswerk“ in einen Karton gepackt und im Schredder entsorgt. Wertschätzung? Was bleibt von meinem Wirken? Die Betriebswirte sprechen von den Mitarbeitenden als Humankapital. Der alttestamentliche Schriftsteller Kohelet bemerkte: „Das alles ist Windhauch“ (1,2). Dinge gehen zu Ende: Beziehungen, Träume, körperliches Wohlbefinden, Wohlstand und Glück.
Dann ist es Zeit, innezuhalten und sich zu besinnen. „Das Ende eines Dinges ist der Anfang eines anderen“ (Leonardo da Vinci). Es gilt, den Blick nach vorn zu richten. „Lass die Toten ihre Toten begraben“, sagte Jesus provokant (Lukas 9,60). Trauerarbeit und Abschied sind wichtig – und zugleich geht das Leben weiter, klingt abgedroschen – ist aber wahr. Ich kann es persönlich aus eigener Erfahrung bestätigen.
Jesus zeigt einen Weg nach vorn: „Du aber geh und verkünde das Reich Gottes“ (ebd.). Nicht stehen bleiben, sondern gehen und von der Hoffnung, die uns trägt, sprechen! Und: Niemals verbittern, den Humor beibehalten und in den Dingen jeden Tag den Sinn entdecken.
Thomas Seibert, Diplomtheologe
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